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Die
Verbreitung der Zuckerkrankheit hat bereits ein solches Ausmaß erreicht,
dass man von einer globalen Epidemie sprechen kann. Bestehen erhöhte
Blutzuckerwerte über längere Zeit, kommt es zu schwerwiegenden
Veränderungen an unseren Blutgefäßen. Deshalb sind die Früherkennung und
Prävention sowie das rechtzeitige Einleiten von Therapiemaßnahmen wichtige
Schritte zur Erhaltung unserer Gesundheit.
Was ist Diabetes? Die Zuckerkrankheit
beim Erwachsenen ist eine chronische Stoffwechselstörung, die dadurch
gekennzeichnet ist, dass der Diabetiker seinen Blutzucker nicht im
normalen Bereich halten kann. Kohlenhydrate aus der Nahrung, die
reichlich in Getreide und Getreideprodukten, Teigwaren, Kartoffeln, Reis,
Obst und Süßspeisen enthalten sind, werden im Darm zu Zucker
(Traubenzucker = Glucose) abgebaut, dieser in das Blut aufgenommen und zu
den Körperzellen gebracht. Traubenzucker ist der wesentliche Energieträger
für unsere Zellen, wobei Muskel- und Fettzellen den meisten Zucker
aufnehmen. Die Höhe des Blutzuckerspiegels wird unter anderem durch
das Hormon Insulin reguliert, das von der Bauchspeicheldrüse gebildet
wird. Die Hauptwirkung von Insulin liegt darin, dass es dem Zucker den Weg
in die Zellen des Körpers eröffnet, ähnlich wie der Schlüssel das Schloss
einer Tür öffnet. Versagt dieser Mechanismus, kommt es zu einem zu hohen
Blutzuckerspiegel.
Zwei unterschiedliche
Diabetestypen Typ-I-Diabetes bringt von Anfang an einen
echten Insulinmangel mit sich. Diese Form zeigt sich oft bei Jugendlichen
und jungen Erwachsenen und ist auf eine Entzündung in der
Bauchspeicheldrüse mit Zerstörung der insulinbildenden Beta-Zellen
zurückzuführen. Von dieser Form von Diabetes ist weltweit aber nur ein
geringer Prozentsatz der Zuckerkranken betroffen.
Typ-II-Diabetes ist durch einen relativen Insulinmangel
und vor allem durch eine Beeinträchtigung der Insulinwirkung an den Zellen
(Insulinresistenz) gekennzeichnet. Typ-II-Diabetes zeigt sich meist erst
ab dem vierzigsten Lebensjahr und ist häufig erblich bedingt. Früher wurde
dieser Typ II auch »Alterszucker« genannt, das ist heute nicht mehr
zulässig, vor allem da es immer jüngere Patienten betrifft. Zum Ausbruch
der Erkrankung führt aber die fast immer falsche Ernährung und
Übergewicht. Dadurch wird die Wirkung des Insulins auf Muskelzellen und
Fettgewebe blockiert, der Blutzucker kann von den Zellen nicht mehr
aufgenommen werden. Folglich versucht die Bauchspeicheldrüse die erhöhten
Blutzuckerspiegel mit einer vermehrten Ausschüttung von Insulin zu
kompensieren. Dieser Mechanismus funktioniert eine Zeitlang,
schlussendlich bricht die Bauchspeicheldrüse unter der ständigen
Mehrbelastung aber zusammen. Da dieser Schutzmechanismus oft einige
Jahre funktioniert, bedeutet dies gleichzeitig, dass bei Probemessungen
normale Blutzuckerwerte aufscheinen, obwohl in Wirklichkeit bereits eine
Stoffwechselstörung vorliegt. Diese Tatsache erhält umso mehr Brisanz, als
zum Zeitpunkt der Diabetesmanifestation bereits jeder zweite Patient
Gefäßschäden durch den Zucker aufweist. Dies ist nur durch eine
frühzeitige Diagnose und das rechtzeitige Einleiten von therapeutischen
Maßnahmen zu verhindern.
Jeder Mensch hat Zucker im
Blut Entgegen der weitverbreiteten Meinung, dass nur
Diabetiker Zucker im Blut haben, ist festzustellen, dass bei allen
Menschen Kohlenhydrate wie Stärke und Haushaltszucker im Darm zu
Traubenzucker abgebaut und über das Blut zu den Körperzellen
weitertransportiert werden. Beim Gesunden liegt der Blutzucker nüchtern
zwischen 60 und 110 mg/dl. Zwei Stunden nach einer Mahlzeit sollte der
Blutzucker 140 mg/dl nicht übersteigen. Beim Diabetiker liegen diese Werte
ohne Behandlung meist wesentlich höher. Blutzuckerspiegel ab 126 mg/dl
gelten als diagnostisch. Bei Nüchtern-BZ-Werten zwischen 110 und 126
mg/dl sollte ein Zuckerbelastungstest durchgeführt werden. Dabei erhält
der Betroffene eine standardisierte Menge einer zuckerhaltigen Lösung.
Durch wiederholte Messungen nach dem Trinken dieser Lösung wird
festgestellt, ob der Körper den zugeführten Zucker genügend rasch
neutralisieren kann. Doch viele Österreicher kennen ihre
Blutzuckerwerte nicht, da nie gemessen wurde. Deshalb sollte bei jedem ab
dem 35. Lebensjahr einmal jährlich eine Blutzuckermessung erfolgen, bei
familiärer Belastung schon früher. (Einen Schnelltest für ein Vorscreening
gibt es in Ihrer Apotheke, Anm. d. Red.)
Frühe Diagnose entscheidend Das
besonders Tückische an der Zuckerkrankheit liegt daran, dass man den
erhöhten Blutzucker selbst lange Zeit nicht bemerkt. Zum Zeitpunkt der
Diagnosestellung leidet aber bereits jeder zweite Patient an Folgeschäden
an den Blutgefäßen. Deswegen sollte man bei folgenden Symptomen aufmerksam
werden und einen Arzt konsultieren:
Verstärktes Durstgefühl
Vermehrte
Harnausscheidung
Müdigkeit und
Kraftlosigkeit
Hautjucken
Neigung zu Infektionen
Schlecht heilende Wunden
Zahnfleischentzündungen
Nächtliche
Krämpfe in den Beinen Bei solchen Anzeichen sollten Sie unverzüglich
eine Blutzucker-Messung durchführen lassen. Zur Diagnose kann auch der
Harnzucker herangezogen werden, welcher aber beim Gesunden stets negativ
sein muss. Einen entsprechenden Test als Vorscreening erhalten Sie in
Ihrer Apotheke. Sollte zwei Stunden nach einer Hauptmahlzeit im Harn
Zucker festgestellt werden, muss unverzüglich weiter abgeklärt
werden. Blut- und Harnzucker sind einfache Messmethoden zur
Selbstkontrolle bei Diabetes. Daneben gibt es einen Wert, der die
durchschnittliche Zuckerlage in den letzten vier Wochen wiederspiegelt,
den HbA1c Wert. Dieser Langzeitwert sollte beim Diabetiker weniger als
7,0%, idealerweise weniger als 6,5% sein.
Gefährliche Folgeschäden Erhöhte
Blutzuckerwerte beeinträchtigen meist keineswegs unser Wohlbefinden. Die
meisten Betroffenen wähnen sich daher irrtümlicherweise gesund. Wären da
nicht die fatalen Folgeschäden, die erhöhte Blutzuckerwerte verursachen.
Es ist nur eine Frage der Zeit, wann folgende Begleiterkrankungen
auftreten:
Diabetische Retinopathie:
Damit ist eine Verschlechterung der Durchblutung der Netzhaut im Auge
gemeint, die zur Sehverschlechterung bis hin zur Erblindung führen kann.
Diabetische Nephropathie: Ein
beginnender Nierenschaden ist durch das Auftreten von Eiweiß im Harn
charakterisiert, im Extremfall kommt es zu einem völligen Versagen der
Nierenfunktion.
Diabetische Neuropathie:
Am häufigsten findet man Gefühlsstörungen der Füße mit herabgesetztem
Temperaturempfinden und strumpfförmig begrenzten Schmerzen. Ist auch das
autonome Nervensystem betroffen, können Verdauungsstörungen, Impotenz,
Blasenentleerungsstörungen, Herzrhythmusstörungen und
Blutdruckschwankungen auftreten.
Gefäßschäden: Diabetiker haben ein stark erhöhtes Risiko für das
frühzeitige Auftreten von Arteriosklerose mit Herzinfarkt und
Schlaganfall. Daneben treten schwere Durchblutungsstörungen vor allem in
den Beinen auf. Doch all dies lässt sich durch eine Früherkennung und
rechtzeitige Therapie erfolgreich verhindern.
Rechtzeitige Therapie Beim
jugendlichen Typ-I-Diabetiker besteht von Anfang an ein absoluter
Insulinmangel. Dieser Patient muss mehrmals täglich Insulin spritzen.
Darüber hinaus wird die Zufuhr von Zucker berechnet und geregelt. Beim
meist übergewichtigen Typ-II Diabetiker liegt aber anfänglich meist
nur eine Blockierung des noch genügend vorhandenen Insulins vor. Durch
Gewichtsreduktion, zuckerfreie Kost und Bewegung lässt sich diese
Blockierung in vielen Fällen wieder aufheben. Deshalb nimmt die Änderung
der Lebensgewohnheiten einen zentralen Stellenwert in der
Diabetestherapie ein. Eine kalorienreduzierte Mischkost, reich an
komplexen Kohlenhydraten und Ballaststoffen mit wenig Fett und Zucker ist
angesagt. Reichlich Gemüse und Salate in Verbindung mit Brot und
Getreideprodukten, Kartoffeln, Reis und Teigwaren sowie fettarmen
Milchprodukten und magerem Fleisch liefern ausreichend Nährstoffe und
machen auch satt.
Tipp 1: Fett macht fett Fett hat den
höchsten Energiegehalt, aber leider die schwächste Sättigungswirkung. Fett
scheint daher ein wesentlicher Nahrungsfaktor für Übergewicht zu
sein. Die wichtigsten Fettquellen sind anhand von Studien die
versteckten Fette in Wurst- und Fleischwaren, sowie fetten Milchprodukten.
Aber auch viele Backwaren und Süßigkeiten bieten die beliebte Kombination
»süß und fett« und können einiges an versteckten Fetten liefern.
Verwenden Sie nur mageres Fleisch, Schinken und
Geflügel ohne Haut.
Wurstsorten wie
Salami, Extrawurst oder Pasteten, die über 50 % Fettanteil haben, sollten
möglichst gemieden werden.
Genießen Sie
fettarme Milchprodukte wie Leichtmilch, Joghurt 1% Fett und Buttermilch
und verzichten Sie auf Vollmilch, Schlagobers und Creme fraiche.
Käse zählt ebenfalls zu den fettreichen
Lebensmitteln. Weichen Sie auf Schnittkäse bis 30% F.i.T., Hüttenkäse und
Magertopfen aus.
Halbfettmargarine und
Halbfettbutter enthalten weniger Fett und wesentlich mehr Wasser.
Sparen Sie beim Kochen Fett ein. Wählen Sie
fettsparende Zubereitungsarten. Dämpfen, Dünsten und Grillen oder Braten
in Folien und beschichteten Pfannen ist auf jeden Fall gesünder als in
Fett Herausgebackenes oder Frittiertes.
Sparsam pflanzliche Öle verwenden. Viele pflanzliche Öle sind zwar wegen
ihres Gehaltes an ungesättigten Fettsäuren für unseren Körper gesund,
haben aber leider genauso viele Kalorien wie tierische Fette. Wer abnehmen
will, muss also auch bei der Verwendung von pflanzlichen Ölen äußerst
sparsam sein.
Tipp 2: Zucker absolut
meiden Haushalts- und Fruchtzucker treten äußerst rasch ins
Blut über und sorgen für hohe Blutzuckerspitzen.
Alle Arten von Zucker unbedingt meiden: Staubzucker, Kristall-,
Würfel- oder Kandiszucker. Zucker ist vielen Fertigprodukten beigesetzt.
Salatdressings und Saucen, Desserts und Nachspeisen aber auch
Fruchtjoghurts enthalten teilweise hohe Zuckermengen.
Honig, Marmelade und Trockenobst sind wahre Zuckerbomben.
Meiden Sie Obstsorten mit hohem
Zuckergehalt: Weintrauben, Zwetschken und Pflaumen, Zuckermelone, Bananen,
Marillen und Pfirsiche. Beerenobst, Zitrusfrüchte wie Grapefruit und
Orange, Wassermelone und Äpfel weisen dagegen einen deutlich niedrigeren
Zuckergehalt auf. Diabetiker sollten aber mit Obst in jedem Fall sparsam
umgehen. Der notwendige Vitaminbedarf kann über Gemüse und Salate gedeckt
werden.
Verwenden Sie Süßstoffe:
Ersetzen Sie Zucker beim Süßen von Tee, Kaffee und Limonaden sowie beim
Kochen und Backen durch kalorienfreie Süßstoffe. Süßstoffe sind
nachweislich nicht appetitanregend und ernährungsmedizinisch sinnvolle
Bestandteile der Reduktionskost. In den üblichen Dosierungen sind
Süßstoffe nicht gesundheitsschädlich. n Achten Sie bei Fruchtsäften
und Softdrinks auf den Zuckergehalt. Frisch gepresste verdünnte Obst- und
Gemüsesäfte, Kräutertees sowie spezielle Produkte für Diabetiker, denen
kein Zucker zugesetzt ist, sind empfehlenswert.
Tipp 3: Ausreichende
Flüssigkeitszufuhr Diabetiker sollten mindestens 1,5 bis 2
l Flüssigkeit pro Tag zu sich nehmen, im Sommer oder bei körperlicher
Betätigung weit mehr. Leitungswasser, Mineralwasser oder ungezuckerter
Tee, frisch gepresste, verdünnte Frucht- und Gemüsesäfte ohne Zuckerzusatz
sind zu bevorzugen. Vermeiden Sie Alkohol. Denn alkoholische Getränke
sind nach Fett die kalorienreichsten Lebensmittel und enthalten keinerlei
wichtige Inhaltsstoffe. Alkohol führt außerdem zu erheblichen Schwankungen
des Blutzuckerspiegels.
Tipp 4: Bewegung muss sein Bewegungs-
und Fitnesstraining sowie gezielte sportliche Betätigungen helfen Ihnen
beim Abnehmen ganz erheblich, speziell in Kombination mit einer
energiereduzierten Mischkost. Zugleich führt regelmäßige Bewegung zu einer
deutlichen Senkung der Blutzuckerwerte. Schon 150 Minuten körperliche
Aktivität pro Woche in Kombination mit richtiger Ernährung reichen aus, um
das Risiko an Diabetes zu erkranken signifikant zu senken.
Ausdauersportarten wie Schwimmen, Radfahren, Wandern, Walking, Jogging,
Gymnastik und Tanzen sind besonders geeignet. Wer mit einem
Trainingsprogramm beginnt, sollte vorher unbedingt einen Arzt aufsuchen um
seinen Körper durchchecken zu lassen. Das Trainingsprogramm sollte
natürlich möglichst effektiv sein, aber zugleich auch Spaß machen. Erst
wenn durch alle diese diätetischen Maßnahmen der Blutzucker nicht in den
normalen Bereich gesenkt werden kann, ist eine medikamentöse Therapie
angezeigt. Hierfür stehen heutzutage eine große Auswahl von Medikamenten
zur Verfügung. So gibt es Substanzen, welche die Insulinausschüttung aus
der Bauchspeicheldrüse stimulieren. Andere senken die Insulinresistenz und
hemmen die körpereigene Zuckerproduktion in der Leber. Und wieder andere
verbessern deutlich die Insulinsensitivität an den
Muskelzellen. Besondere Bedeutung wird auch dem frühen Einsatz von
Insulin beigemessen. Von den meisten Patienten sehr gefürchtet, ist der
rechtzeitige Einsatz von Insulin zu empfehlen, wenn der HbA1c-Wert auf
über 8% ansteigt. Die Konsultation eines Spezialisten ist in diesem Falle
aber unerlässlich.
Regelmäßige Kontrollen
sind notwendig Neben der Früherkennung und dem
rechtzeitigen Einsatz von therapeutischen Maßnahmen möchte ich nochmals
auf die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient
hinweisen. Nur durch eine genaue Aufzeichnung von Blutzucker- und
Harnzuckermessungen, die der Patient zur Selbstkontrolle leicht zu Hause
durchführen kann, erhält der Arzt einen brauchbaren Überblick über die
aktuelle Stoffwechselsituation. Alle drei Monate sollte routinemäßig bei
Diabetikern auch der Langzeitwert, der HbA1c-Wert, getestet
werden. Weiters sollte in regelmäßigen Abständen auf das Vorliegen von
Folgeerkrankungen oder das gleichzeitige Bestehen von anderen
Risikofaktoren für Herz und Kreislauf untersucht werden:
Ruhe-EKG und Belastungs-EKG
Harnuntersuchung auf Eiweiß
Untersuchung der Fußpulse mittels Dopplersonographie
Regelmäßige Blutdruckmessungen
Blutanalysen mit Cholesterin, Triglyceriden und Nierenwerten
Augenärztliche Begutachtungen
Doch eigentlich sollte es gar nicht so weit kommen.
Bewusster leben hält den Diabetes an. Ein Großteil der Diabetiker kann
nämlich durch richtige Ernährung, Bewegung und Sport den Ausbruch der
Erkrankung und damit das Auftreten von Folgeschäden erfolgreich
verhindern.
Anschrift des Verfassers: Dr.
Thomas Schwingenschlögl, Facharzt für Innere Medizin und
Rheumatologie, Reisenbauerring 5/1/1, A-2351 Wiener Neudorf |